Umzug zwischen Kantonten: Eine Erfolgsgeschichte

Im April 2024 zog der 20-jährige Jonathan Dennler vom Heim in seine erste eigene Wohnung vom Verein «leben wie du und ich» mit Persönlicher Assistenz – einer Dreier-Wohngemeinschaft von Menschen mit und ohne Behinderung in Zürich West.

Leben im Heim: Struktur und Grenzen

Jonathan sitzt im Rollstuhl und leidet an Muskeldystrophie des Typs Duchenne. Während der Aufenthalt im Heim vor allem durch feste Strukturen, klare Regeln und begrenzte Gestaltungsmöglichkeiten geprägt ist, ermöglicht das Leben mit Assistenz deutlich mehr Selbstbestimmung und gesellschaftliche Teilhabe.

Im Heim war Jonathans Alltag stark vorgegeben. Tagesabläufe, Essenszeiten und Ruhezeiten waren fest organisiert. Gleichzeitig gab es nur wenig sozialen Austausch ausserhalb der Institution. Kontakte beschränkten sich oft auf Mitbewohnende und Betreuungspersonal. Auch Freiheiten, die für viele junge Menschen selbstverständlich sind – spontan ausgehen, Besuch empfangen oder den eigenen Tagesrhythmus bestimmen – waren nur eingeschränkt möglich. Diese Struktur kann zwar Sicherheit geben, führt aber oft dazu, dass Menschen mit Behinderungen weniger selbstbestimmt leben und sich vom gesellschaftlichen Leben abgesondert fühlen.

Der Wechsel in eine Wohngemeinschaft mit Assistenz hat für Jonathan vieles verändert. Er kann nun selbst entscheiden, was er essen möchte, wann er Besuch empfängt und wie er seine Freizeit gestaltet. Er lebt mitten im lebendigen Quartier Zürich-West, ist unter Menschen und kann seinen Alltag ähnlich gestalten wie andere junge Erwachsene. Assistenz bedeutet dabei weit mehr als Pflege oder Hilfe im Haushalt. Sie ermöglicht Mobilität, soziale Kontakte, Teilnahme am geselschaftlichen Leben und persönliche Entwicklung. Dadurch steigt nicht nur die Lebensqualität, sondern auch das Gefühl von Selbstständigkeit und Zugehörigkeit zur Gesellschaft. 

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Jonathan Dennler

Ich finde es gut ziemlich viele Freiheiten in der WG zu haben. Und ich würde es anderen Menschen mit Behinderung empfehlen.

Herausforderungen auf dem Weg in die eigene Wohnung

Der Weg in eine eigene Wohnung oder WG mit Assistenz ist aber auch mit grossen Herausforderungen verbunden. Eine der grössten Hürden ist die Finanzierung. Unterstützungssysteme sind oft komplex aufgebaut, und die Subsidiarität von Zuständigkeiten (Bund – Kanton) oder ein Umzug in einen anderen Kanton können zu Versorgungslücken führen. Wenn jemand den Wohnkanton wechselt oder aus einer Institution austritt, kann es passieren, dass Unterstützungsleistungen vorübergehend oder ganz wegfallen. Dadurch entsteht für Betroffene ein grosses finanzielles Risiko. 

Ein weiteres Problem ist, dass Assistenzbudgets oft nicht den tatsächlichen Unterstützungsbedarf abdecken. Auch wenn Fachstellen einen höheren Bedarf feststellen, werden Leistungen teilweise gekürzt oder an starre Kategorien gebunden. Das führt dazu, dass Menschen zwar theoretisch selbstständig wohnen könnten, in der Praxis aber zu wenig Unterstützung erhalten. Gerade bei komplexen Beeinträchtigungen sind die Anforderungen an Assistenz hoch – etwa bei Alltagstätigkeiten wie Kochen, Einkaufen, Haushalt oder Begleitung ausser Haus.

Zusätzlich sind administrative Verfahren oft langwierig. Neue Abklärungen, Beschwerden oder Anpassungen von Leistungen können Monate oder Jahre dauern. In dieser Zeit müssen Betroffene oft Übergangslösungen finden oder auf Unterstützung von privaten Organisationen oder Angehörigen zurückgreifen. Ohne solche Hilfe wäre ein selbstbestimmtes Leben für viele nicht möglich.

Der Verein «leben wie du und ich» setzt sich dafür ein, dass das Grundrecht auf Wahlfreiheit des Wohnorts allen Menschen mit Behinderung zugutekommt und nicht ein Privileg ist für diejenigen, die es sich leisten können. 

Selbstbestimmtes Wohnen als Zukunftsmodell

Trotz dieser Schwierigkeiten zeigt das Leben mit Assistenz grosse Vorteile. Es stärkt die Selbstbestimmung, fördert soziale Integration und entspricht den Zielen der Gleichstellung von Menschen mit Behinderungen. Langfristig geht die politische Entwicklung ebenfalls in Richtung mehr ambulante Unterstützung und weniger institutionelle Lösungen. Bis diese Veränderungen jedoch vollständig umgesetzt sind, stehen viele Betroffene weiterhin vor grossen strukturellen und finanziellen Herausforderungen auf dem Weg zu einem selbstbestimmten Leben in einer eigenen Wohnung.

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